
ÖAZ "Sie haben sich für das Thema „Rheuma“ entschieden. Warum liegt Ihnen diese Erkrankung am Herzen?"
Mag. pharm. Dr. Alexandra Mandl "Rheuma ist nicht nur „eine“ Erkrankung, sondern unter diesem Begriff wird eine Vielzahl von fast 500 Krankheitsbildern zusammengefasst, die vor allem – aber nicht nur – den Bewegungs- und Stützapparat betreffen. Gemeinsam mit meinem Kollegen als Tagungspräsident OA Dr. Raimund Lunzer haben wir deshalb den Titel des ApoKongress um den Zusatz „eine Krankheit mit vielen Gesichtern“ ergänzt. Es geht um zahlreiche Krankheiten aus dem rheumatischen Formenkreis, dazu zählen neben der Rheumatoiden Arthritis unter anderen Lupus, Gicht und Psoriasis. Zudem hat es große Fortschritte bei der Therapie gegeben und es sind in den vergangenen Jahren etliche neue Arzneimittel auf den Markt gekommen, sowohl monoklonale Antikörper als auch sogenannte small molecules. Hier ist es sehr hilfreich für die Arbeit an der Tara, einen zusammenfassenden Überblick und ein Update zu bekommen. Da die meisten Krankheitsbilder mit typischen Schmerzen in Gelenken und eingeschränkter Beweglichkeit einhergehen, ist die moderne und adäquate Schmerztherapie ein weiteres wichtiges Thema in Schladming."
ÖAZ "Eine nicht geringe Zahl an Menschen in Österreich leidet unter Rheuma und es sind auch immer mehr jüngere Patient:innen betroffenen. Wie können Sie sich diesen Trend erklären?"
Mandl "Die Häufigkeit rheumatischer Erkrankungen nimmt zu und ist höher als gedacht – laut einer systematischen Literaturrecherche in Deutschland liegt die Prävalenz bei 2,2 bis 3 %, darunter rund 14.000 Kinder und Jugendliche. Der Anstieg beruht natürlich auf der gestiegenen Lebenserwartung und der besseren Frühdiagnostik. Aber auch Umweltfaktoren wie eine hohe, längerfristige Feinstaubbelastung erhöhen vermutlich das Risiko, eine Autoimmunerkrankung zu entwickeln. Die häufigste rheumatische Erkrankung im Kindesalter ist die juvenile idiopathische Arthritis, von der bereits Kleinkinder betroffen sein können. Da schon in diesem Alter neben der konventionellen Behandlung mit nichtsteroidalen Antirheumatika auch Biologicals eingesetzt werden dürfen, beschäftigt sich ein eigener Vortrag mit der Kinderrheumatologie. Denn Kinder sind eben keine halben Erwachsenen!"
ÖAZ "Man könnte Rheuma demnach auch als Zivilisationskrankheit bezeichnen und mit präventiven Maßnahmen vieles verhindern. Wie können Apotheker:innen den Betroffenen beratend zur Seite stehen?"
Mandl "Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises können auch innere Organe, Gefäße, Haut und Schleimhäute betreffen, die Erkennung und Diagnostik ist daher nicht immer einfach. In manchen Fällen schreitet die Krankheit sehr rasch fort und kann zu dauerhaften Gelenkzerstörungen und Funktionseinschränkungen führen. Es ist wichtig, Patient:innen rasch eine fachärztliche Begutachtung zu empfehlen. Vor allem dann, wenn in der Apotheke auffällt, dass versucht wird, die Symptome über einen längeren Zeitraum in Selbstmedikation zu behandeln. Häufig werden rheumatische Beschwerden zunächst bagatellisiert und die Diagnose erfolgt verspätet. Apotheker:innen sollten deshalb darauf hinweisen, dass die Chancen einer erfolgreichen Behandlung gleich zu Beginn beim Auftreten der Beschwerden am größten sind. Es gilt, Folgeschäden zu vermeiden."
ÖAZ "Wird Ihrer Meinung nach im Bereich Prävention genug unternommen?"
Mandl "In der Ernährungsberatung ist präventiv und therapeutisch viel möglich. Am wichtigsten ist für Betroffene der Abbau von Übergewicht, denn das birgt den stärksten antiinflammatorischen Effekt. Ernährungskomponenten wie Ballaststoffe, Hülsenfrüchte, Omega-3-Fettsäuren und sekundäre Pflanzenstoffe (aus Curcuma etc.) sollten bevorzugt werden. Durch Reduktion des Konsums an gesättigten Fettsäuren aus tierischen Produkten und Umstellung auf eine vollwertige, einheimische und ausgewogene Ernährung mit einem größeren Gewicht auf pflanzlichen Lebensmitteln kann jeder individuell die Entzündungsaktivität in seinem Körper beeinflussen. Ganz allgemein ist leider die Gesundheitskompetenz in Österreich gering, daher kann es sinnvoll sein, Selbsthilfegruppen in der Präventionsarbeit miteinzubeziehen. In der Prävention und ebenso in der Therapie ist interprofessionelle Zusammenarbeit mit anderen Gesundheitsdienstleistern hilfreich. Deshalb bieten wir zusätzlich einen Workshop mit Ergotherapeut:innen an, um diese Berufsgruppe und ihre Leistungen in der Therapie mehr Apotheker:innen vorzustellen."
ÖAZ "Rheuma geht oft mit diversen Begleiterkrankungen einher, was wiederum einer zusätzlichen Therapie bedarf. Wissen Rheuma-Patient:innen gut über ihre Medikation und die Handhabung Bescheid?"
Mandl "Die Rheumatoide Arthritis wird leitlinienkonform zunächst mit Glucocorticoiden und krankheitsmodifizierenden Antirheumatika (DMARD) wie Methotrexat behandelt. Erst wenn diese Therapie nicht erfolgreich ist, kommen Biologika wie TNF-α-Inhibitoren oder IL-Rezeptorantagonisten dazu. Alle diese Arzneimittel sind hochwirksam, hochpreisig und auch sehr beratungsintensiv in Hinblick auf Lagerung und Anwendung, aber auch Nebenwirkungsmanagement und Handhabung. Hier ist die pharmazeutische Betreuung durch Apotheker:innen essenziell, um das Maximum aus der Therapie herausholen zu können. Erfolgt eine Umstellung auf ebenfalls verfügbare Biosimilars – beispielsweise aus Kostengründen oder bei Nicht-Lieferbarkeit – so ist eine neuerliche Einschulung in der Apotheke erforderlich. Relativ neu ist die Behandlungsoption mit Januskinase-Inhibitoren, die geschluckt werden können. Hier kennt man noch nicht alle Wirkungen im Detail, sodass diese bei älteren Patient:innen mit Herz-Kreislauf-Beschwerden nur eingeschränkt empfohlen werden. Kommt dann noch eine Schmerztherapie dazu, sind das schnell mehr als fünf Arzneimittel, die gleichzeitig eingenommen werden. Eine Medikationsanalyse, am besten in Verbindung mit einer Schulung zur Applikation, kann für diese Patient:innen eine sehr vorteilhafte pharmazeutische Dienstleistung sein, um eine bessere Arzneimitteltherapiesicherheit zu erzielen. Da viele Therapien in das Immunsystem eingreifen, ist Impfberatung und Behandlung von Infektionen eine weitere besondere Konstellation, die in zwei Vorträgen beleuchtet wird.
Da die Rheumatoide Arthritis eine Autoimmunerkrankung ist, die lebenslang therapiert werden muss, sollten Apotheker:innen ihren betroffenen Patient:innen langfristige Unterstützung und pharmazeutische Beratung bei der Behandlung und beim Leben mit ihrer Erkrankung anbieten können. Alle diese Aspekte sowie die aktuellsten Therapieleitlinien präsentieren wir in Schladming, um Sie optimal bei der täglichen Arbeit an der Tara zu unterstützen."
ÖAZ "Danke für das Gespräch."