
Bis zu 24 Prozent der Gesundheitsausgaben ließen sich damit einsparen bzw. optimal verwenden. Dies erklärten am Mittwoch Experten beim "Digital Health Symposium" der Praevenire-Gesundheitsinitiative in Wien (2. bis 3. April).
"Wir haben ein Gesundheitssystem, das ganz gut ist. Aber es ist extrem ineffizient. In Finnland kostet eine ähnlich gute Gesundheitsversorgung pro Kopf und Jahr um 1.000 Euro weniger. (...) Wir müssen in Reformschritte kommen. Der medizinische Fortschritt kostet Geld. Um Ineffizienzen zu beseitigen und das Geld dorthin zu bringen, wo man es im Gesundheitswesen braucht, muss man Digital Health in Angriff nehmen. Und zwar rasch und zentral", sagte Ex-Finanzminister und Präsident von Praevenire, Hans Jörg Schelling. "Wir haben den Datentresor mit ELGA und den Schlüssel dazu mit der E-Card. Wir haben die Infrastruktur, aber wir nützen sie nicht."
Deutliche Einsparungen möglich
Was via Digitalisierung im österreichischen Gesundheitswesen erreichbar wäre, stellte der Generaldirektor der Sozialversicherung der Selbstständigen (SVS), Alexander Biach, ehemals Chef des damaligen Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, anhand von wissenschaftlichen Daten dar: Berechnungen hätten ergeben, dass die Gesundheitskosten eines Menschen in Österreich über seine Lebenszeit hinweg an die 400.000 Euro (nach aktuellen "Preisen") betragen. Für die Altersgruppe der bis zu Fünfjährigen wären dies rund 30.000 Euro, für die Sechs- bis 20-Jährigen 50.000 Euro. In der Altersgruppe der 21- bis 50-Jährigen sind es bereits rund 100.000 Euro, um schließlich für die Zeitspanne zwischen 51 und 75 Jahren auf 120.000 Euro zu steigen. Allein die gesundheitliche Versorgung über 76-Jähriger koste wiederum rund 100.000 Euro pro Person.
Digitalisierung und die Verwendung von Künstlicher Intelligenz für mehr Effizienz könne erhebliche Vorteile für alle Beteiligten bringen. "Das Gesamt-Einsparungspotenzial (von den fast 400.000 Euro; Anm.) beträgt demnach zwischen 41.000 und 90.500 Euro oder zwischen 10,9 und 24,1 Prozent", führte Biach aus. So könnten beispielsweise durch KI-gestützte Frühdiagnostik, automatisierte Impfprogramme und Telemedizin bereits in der Altersgruppe der bis zu Fünfjährigen fünf bis 15 Prozent der derzeitigen Kosten eingespart werden. Zehn bis 20 Prozent der Aufwendungen ließen sich bei den 21- bis 50-Jährigen durch weniger Krankenhausaufenthalte infolge intensivierter Präventionsmaßnahmen vermeiden. In den für das Gesundheitssystem aufwendigsten Bevölkerungsschichten der 51- bis 75-Jährigen und der über 76-Jährigen wären zehn bis 25 Prozent bzw. sogar 15 bis 30 Prozent der Ausgaben potenziell einsparbar: durch Reduktion von Komplikationen im Rahmen der medizinischen Versorgung und durch Verkürzung oder Vermeidung von nicht notwendigen Krankenhausaufenthalten.
Es fehlt nicht an möglichen Projekten zur Digitalisierung der Gesundheitsversorgung. ÖVP-Gesundheitssprecherin Juliane Bogner-Strauß, ehemalige Gesundheitslandesrätin der Steiermark, führte dazu beispielsweise ein Pilotprojekt aus ihrem Bundesland an. Allgemeinmediziner - in der Steiermark gibt es Wartezeiten bei niedergelassenen Kassen-Dermatologen von bis zu sechs Monaten - verwenden Auflichtmikroskopie-Bilder per Handy für den Check von verdächtigen Hautveränderungen und senden diese an Fachärzte zur Begutachtung. "Nur noch 14 Prozent der Patienten benötigen dann einen Termin beim Facharzt", sagte die Gesundheitspolitikerin. Kritiker erklären allerdings seit vielen Jahren, dass im Gesundheitswesen regelmäßig durchgeführten Pilotprojekten selbst bei positivsten Resultaten kaum eine österreichweite und dauerhafte Umsetzung gegenüberstehe.
"Vakuum" im Gesundheitsministerium?
Laut dem ehemaligen Sektionschef im Gesundheitsministerium und nunmehrigen Präsidenten des European Health Forum, Clemens Auer, hat Österreich seine Chancen mit der Etablierung von ELGA und E-Card nur bedingt genutzt. "Immerhin wurden in ELGA im Jahr 2024 4,1 Mrd. Transaktionen verzeichnet", meinte er. Auf der anderen Seite: "Wir wissen ziemlich viel, was und wie wir es machen sollten. Wo es mangelt, das ist die Umsetzung." Der rechtliche Rahmen und die Technologie wären weniger das Problem als durch die Politik vernachlässigte Aspekte. "Beim organisatorischen Rahmen mangelt es an Leadership, weil das (Gesundheits-; Anm.)Ministerium auslässt. Dort ist ein Vakuum entstanden, spätestens mit der Regierung Kurz-Strache." Wenn nicht bald gehandelt werde, um den Nutzen der Digitalisierung sicherzustellen, würden die österreichischen Bürger womöglich Schaden erleiden, was sogar einklagbar sein könnte.
An der schnellen Realisierung von Digital Health dürfte allerdings auch in Österreich in den kommenden Jahren kein Weg vorbeiführen, wie bei dem Symposium von mehreren Fachleuten dargestellt wurde: Mit 26. März ist nämlich die EU-Verordnung über die Schaffung des geplanten einheitlichen European Health Data Space (EHDS) in Kraft getreten. Er soll die Nutzung von Primärdaten aus der Gesundheitsversorgung sowie den Austausch der für Patienten wichtigen Informationen EU-weit ermöglichen und Informationen sekundär auch für Wissenschaft und Versorgungsforschung bereitstellen.
Bis 2027 sollen Details ausgehandelt werden. Dann könnte es Schlag auf Schlag gehen: Mit 26. März 2029 sollen bereits kurze Patientendokumentationen und elektronische Rezepte in der gesamten EU verfügbar, einsehbar und austauschbar sein. Für zwei Jahre später ist der EU-weite Zugriff auf Röntgen- und andere bildgebende Verfahren sowie E-Rezepte vorgesehen. Bis dahin müssten alle alten EDV-Systeme auf Interoperabilität getrimmt und neue von Anfang an dafür geeignet sein. Daran ginge kein Weg mehr vorbei, schilderte Herwig Loidl vom Arbeitskreis e-Health der Wirtschaftskammer Österreich.
APA